„Wir sind das Volk“
Neben Erzählungen seiner Eltern war es die Begegnung mit einer Frau in Danzig, die er, der Student Jostmeier, 1974 während einer Studienreise nach Polen kennengelernt hatte. „Die Frau war von Deutschen zum Krüppel vergewaltigt worden. Sie sagte: Ich habe bei Gott geschworen, dass ich nie mehr einem Deutschen die Hand geben werde. Als wir uns trennten, waren wir Freunde.“
Was für eine Zeit war das? „An den Grenzübergängen wurde ich gefilzt bis auf die Unterwäsche. Menschen starben im Kugelhagel, weil sie die Freiheit suchten. Die Warschauer-Pakt-Staaten rüsteten bis an die Zähne auf. Ich war gegen die CDU-Politik, die eine Neutralität Deutschlands anstrebte. Erst die Politik Willy Brandts trieb mich zum Eintritt in die CDU - mehr aus Protest also.“
Wie war die Deutsche Teilung zu lösen? „Der Vertrag von Helsinki 1976, der Moskauer Vertrag zwei Jahre später, der Besuch des polnischen Papstes in seinem Heimatland 1979 gaben die Anstöße. Und als die Medien von nur ein paar tausend Besuchern sprachen, in Wahrheit es aber mehr als zwei Millionen waren, verloren die Menschen den Glauben an den Staat. Am 9. Oktober 1989, vier Wochen vor dem Fall der Mauer, versammelten sich im Osten mehr als 70 000 Menschen mit den Rufen: Wir sind das Volk, keine Gewalt! Diese Revolution der Kerzen und Gebete gab den Ausschlag.“
Jostmeier schließt mit einem leidenschaftlichen Appell für die Europäische Gemeinschaft: „Die EU ist die nachhaltigste Friedensbewegung, die die Welt je gesehen hat. Ich gehöre zur ersten Generation, die nach 1950 geboren wurde und nicht in einen Krieg ziehen musste. Und eine BBC-Studie belegt: Deutschland genießt das höchste Ansehen in der Welt. Das hat es zuvor 1000 Jahre lang nicht gegeben. Seien wir uns dessen bewusst.“
Nach langem, begeisterten Beifall (Peter Amadeus Schneider: „Das war eine Sternstunde aller mir bekannten Festreden.“) erinnerte Bürgermeister Dieter Eipel aus Lindow an die Zeit vor 20 Jahren: „Bei uns war der Höhepunkt am 9. Oktober 1989 erreicht, als die komplette Fußballmannschaft des LSV Grün-Weiß verhaftet wurde. Einige kamen ohne Verhandlung ins Stasigefängnis Potsdam. Wir waren es satt, den Kommunisten als Spielball zu dienen. Dabei hatten wir auch schon erste Kontakte zum Kreis Coesfeld, besonders zu Heinz Rütering und den Schapdettener Fußballern. Als wir von Euch ein Faxgerät geschenkt bekamen, fühlten wir uns wie bei einer Mondlandung. Noch heute gilt Euch mein aufrichtiger Dank.“
Dann mahnt er: „Mit Sorge betrachte ich die Entwicklung in Brandenburg. Einst waren sie die Täter. Heute ist die Stasi in Potsdam wieder regierungsbereit. Und wir, die Opfer von damals, werden in die Ecke getrieben. Wo ist nur der Geist der Freiheit von 1989 geblieben?“